Pflegeversicherung gerät immer tiefer in die Krise
Der Pflegeversicherung droht schon im Oktober ein akuter Liquiditätsengpass. Für 2026 rechnet der GKV-Spitzenverband mit einem Defizit von rund 4,4 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr könnten sogar zehn Milliarden Euro fehlen.
Die Finanzlage der sozialen Pflegeversicherung spitzt sich schneller zu als bislang erwartet. Nach Berechnungen des GKV-Spitzenverbands könnten die vorhandenen Mittel bereits im Oktober nicht mehr ausreichen, um sämtliche Leistungen vollständig zu finanzieren. Schon für das laufende Jahr fehlen demnach zusätzlich rund 500 Millionen Euro.
Hinter der Entwicklung steht vor allem eine immer größere Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben. Mehr als sechs Millionen Menschen beziehen inzwischen Leistungen aus der Pflegeversicherung. Im ersten Halbjahr 2026 erhöhten sich die Ausgaben gegenüber dem Vorjahreszeitraum um elf Prozent, während die Einnahmen lediglich um 3,9 Prozent zulegten. So summierten sich die Ausgaben für das erste Halbjahr auf 39,48 Milliarden Euro und die Einnahmen auf 36,71 Milliarden Euro. „Die Pflege ist akut in Not. Es herrscht Alarmstufe Rot“, warnt Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands.
Für das Gesamtjahr erwartet der Kassenverband ein Defizit von rund 4,4 Milliarden Euro. Allerdings steckt darin eine Besonderheit: Bis zu 3,2 Milliarden Euro sollen durch Bundesdarlehen aufgefangen werden. Ohne diese Hilfe ergibt sich das deutlich größere Finanzierungsproblem. Für 2027 zeichnet sich nach den Berechnungen sogar ein Defizit von rund zehn Milliarden Euro ab.
Damit dürfte die Finanzierung zu einem zentralen Streitpunkt der geplanten Pflegereform werden. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) steht ohnehin unter Zeitdruck: Bis Ende September soll die überarbeitete Reform ins Kabinett eingebracht werden. Zusätzlich muss der Minister eine weitere Lücke schließen. Linnemann will geplante Leistungskürzungen für pflegende Angehörige zurücknehmen. Dadurch würden allerdings Einsparungen entfallen, die ursprünglich zur finanziellen Stabilisierung vorgesehen waren. Rund 1,8 Milliarden Euro müssten nach den Angaben im Bericht deshalb anderweitig eingespart oder finanziert werden.
Bundesdarlehen verschieben das Problem
Schon jetzt hält der Bund die Pflegeversicherung mit Krediten über Wasser. Im ersten Quartal erhielt sie ein Darlehen von 800 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr 2026 sind Bundesdarlehen von bis zu 3,2 Milliarden Euro vorgesehen. Eine dauerhafte Lösung ist das nicht. Die Darlehen müssen zurückgezahlt werden und stabilisieren die Liquidität daher zunächst nur kurzfristig.
Der GKV-Spitzenverband fordert deshalb eine stärkere Beteiligung des Bundes. So soll der Staat noch offene Kosten aus der Corona-Pandemie in Höhe von 5,2 Milliarden Euro übernehmen. Darüber hinaus verlangt der Verband, dass der Bund künftig die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige vollständig trägt. Nach Berechnungen des Verbands könnte allein die Übernahme dieser Rentenbeiträge die Pflegeversicherung jährlich um rund 5,3 Milliarden Euro entlasten.
Für Beitragszahler stellt sich damit zwangsläufig die Frage nach einer weiteren Beitragserhöhung. Der reguläre Beitragssatz liegt derzeit bei 3,6 Prozent des Bruttoeinkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Kinderlose zahlen einschließlich Zuschlag 4,2 Prozent.
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